Dürer-Vorträge Nürnberg

Übersicht über die zeitliche Abfolge der Vorträge.

Programm 2017

 

Begrüßung und Einführung in die Tagung, Dr. Thomas Schauerte, Museen der Stadt Nürnberg. Veranstaltungsort: Stadtmuseum im Fembo-Haus

Albrecht Dürer: Philosophia, Titelholzschnitt aus: Konrad Celtis, Quatuor libri amorum, Nürnberg 1502. Bildnachweis: Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg
Dr. Harald Tesan.

10.00 Uhr

Humanismus und Primitivismus.
Zu Dürers Holzschnitt der Philosophie

Verglichen mit Dürers übriger Druckgrafik um 1500, mutet die Philosophia aus den Amores des Konrad Celtis ungewöhnlich steif, ja geradezu archaisierend an. Es liegt der Verdacht nahe, dass die formale Gestaltung des bekannten Titelholzschnittes in programmatischem Widerspruch zur intellektuell avancierten Bildaussage steht. Wenn sich eine Bildungselite eines primitivistischen Verfahrens bediente, wäre dies ein durchaus moderner Zug. Und es stellt sich in Hinblick auf die "grobe" Bildproduktion nach etwa 1520 die Frage, ob humanistische Kreise nicht schon früher – vor Luther und der Reformation – im Bemühen um Angemessenheit unterschiedliche, damit auch vermeintlich niedere Stilhöhen bevorzugten.

Dr. Harald Tesan arbeitet als freier Publizist und Kurator in Nürnberg. Seit 1996 lehrt er Kunstgeschichte an bayerischen Hochschulen.

Hans Döring: Die Heilige Sippe, 1515 (Ausschnitt der Mitteltafel des Triptychons). Öl auf Holz. Bildnachweis: s'Heerenberg, Kasteel Huis Bergh
Gabriel Dette.

11.00 Uhr

Epigonentum als Erfolgsmodell, oder: copy and paste im 16. Jahrhundert?
Hans Ritter, genannt Döring zwischen Cranach und Dürer

Hans Ritter, gen. Döring, ist vor allem als Fußnote der Cranach- und Dürer-Forschung bekannt: Seine mehrfigurigen Gemälde bestehen fast ausnahmslos aus faltengetreu übernommenen Vorlagen beider Künstler, als Porträtist folgt er dem vom kursächsischen Hofmaler etablierten Typus, eine Lukrezientafel Cranachs d. Ä. hat er sogar wörtlich kopiert. Dabei scheinen die Bezüge zu beiden Künstlern derart eng, dass ein Werkstattzusammenhang zu vermuten ist; Dörings Name wird daher sowohl unter den Cranach- wie den Dürer-"Schülern" genannt. Dass er selbst bestenfalls den Status eines begabten Epigonen zugebilligt bekommt, ist bei einem Maler, von dem kaum eigene Bilderfindungen bekannt sind, der sich aber scheinbar unbekümmert nach dem copy and paste-Prinzip benennbare Vorlagen Dritter aneignet, nicht überraschend. Ob die in diesem Umfang sicher einzigartige Kombination von Motiven Dürers, Cranachs und weiterer Künstler sich aber wirklich erschöpfend als freie Entscheidung Dörings erklären lässt, oder ob nicht auch andere Aspekte wie Wünsche und Vorgaben seiner Auftraggeber in Rechnung zu stellen sind, wurde dabei bisher nicht hinterfragt.

Gabriel Dette ist Assistenzkurator für Alte Meister am Kunstmuseum Basel. Im Rahmen seines Dissertationsprojektes beschäftigt er sich seit längerem mit dem Maler Hans Ritter, genannt Döring.

 

12 bis 14 Uhr Mittagspause

Anonym: Die Entfernung der "Götzen" aus den Zürcher Kirchen, ca. 1605. Aquarellierte Federzeichnung aus: Heinrich Bullingers Reformationschronik, Zentralbibliothek Zürich
Dr. Nausikaä El-Mecky.

14.00 Uhr

Verborgene Idole: Die Bildersucht der Zürcher Ikonoklasten

Im Jahr 1520 war Ikonoklasmus noch ein großes Verbrechen in Zürich. Nur vier Jahre später war die Straftat hingegen zum Standard geworden: die weißen Wände der Zürcher Kirchen waren überwältigend leer. Nach hunderten von Jahren voller Streit über die Bilderfrage schaffte es eine kleine schweizerische Stadt innerhalb von wenigen Monaten, religiöse Bilder ohne großen Aufruhr zu entfernen. Der demokratisch organisierte, schnelle Ablauf machte Zürich zu einem Vorbild für andere Städte. Aber was auf den ersten Blick reibungslos und einfach erschien, war tatsächlich wesentlich komplexer: Sogar die radikalsten Reformatoren bereicherten sich an ihnen, waren sogar abhängig von religiösen Bildern. Sie nutzten deren Kraft und Wirkung für ihre eigenen Zwecke. Die sogenannten "Götzenbilder" waren nicht verschwunden, sondern nur halb verborgen. Oft wurden diese Idole aber nicht als bedrohlich gesehen, da es hier nicht um wertvolle Kunst ging. Muss aber ein Bild "Spitzenkunst" sein, um eine Wirkung auf den Betrachter auszuüben? Oder kann auch "Grobes Zeug" genau so effektiv sein?

Dr. Nausikaä El-Mecky wurde an der University of Cambridge promoviert und lehrt als Kunstwissenschaftlerin an der Heidelberg School of Education (Universität Heidelberg & Pädagogische Hochschule Heidelberg).

Michael Ostendorfer: Adam und Eva, 1539 (Detail). Öl auf Holz. Bildnachweis: Museen der Stadt Regensburg
Daniel Rimsl.

15.00 Uhr

Michael Ostendorfer zwischen Wallfahrtstaumel und Protestantismus

Michael Ostendorfer (ca. 1490–1559) war als Maler und Grafiker in Regensburg sowie am Hofe des Pfalzgrafen Friedrichs II. in Neumarkt und Amberg, wahrscheinlich auch in Heidelberg tätig. Für die Forschung stand in der lange eher spärlichen Wahrnehmung Ostendorfers die Qualität oder eben mangelnde Qualität seiner Werke – besonders im Vergleich zu Albrecht Altdorfer – im Vordergrund. Am ehesten gestand man seinen frühen Holzschnitten aus dem Kontext der Regensburger Wallfahrt zur Schönen Maria Bedeutung zu, die späteren Arbeiten jedoch, besonders das sogenannte Reformationsretabel in Regensburg, schienen nicht überzeugen zu können; der Qualitätsabfall und das Arbeiten im protestantischen Kontext werden mitunter in einem Atemzug genannt. Dennoch war er Hofmaler bei Friedrich II. und erledigte mehrere Aufträge für die Reichsstadt Regensburg: Zumindest seine Zeitgenossen scheinen seine Arbeit also geschätzt zu haben. Anhand der Analyse ausgesuchter Werke Ostendorfers soll erkennbar gemacht werden, woran die zurückliegende Forschung den Qualitätsabfall festzumachen glaubte. Auch im Hinblick auf den Erhaltungszustand und verfälschende Restaurierungen sollen die Qualitätsmaßstäbe einer vornehmlich stilgeschichtlich vorgehenden Kunstgeschichte, die als Kunstkritik urteilt, hinterfragt werden.

Daniel Rimsl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Kunstsammlungen des Bistums Regensburg.

Hans Brosamer: Die Vision des Propheten Ezechiel, Holzschnitt, koloriert aus: Hans Lufft, Biblia, Wittenberg 1558. Bildnachweis: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Wt 4° 139
Dr. Stavros Vlachos.

16.00 Uhr

Pracht und Ausdruckskraft protestantischer Kunst im 16. Jahrhundert

Seit Jahren herrscht in der Kunstgeschichte das Postulat der mangelnden Qualität protestantischer Kunst; ihre angebliche Trockenheit oder gar Grobheit diene der Betonung didaktischer Aspekte. Untersuchungen der letzten Jahre verfestigten das Stereotyp der "trockenen" protestantischen Kunst, insbesondere gegenüber "prachtvollen" katholischen Kunstwerken oder solchen mit profanen Inhalten. Der Vortrag wird hingegen zeigen, dass sakrale protestantische Kunst auch qualitätsvoll sein kann. Didaktische Aspekte, ein gehobener Stil und die daraus resultierende Ästhetik und Qualität schließen einander nicht aus, sondern agieren zusammen, um Glaubensinhalte des neuen Dogmas wirkungsvoll zu propagieren. Dabei werden auch gewisse Kontinuitäten in Bezug auf Darstellungsweisen zwischen der Kunst der Dürerzeit und der protestantischen Kunst aufgezeigt. Im Mittelpunkt stehen Künstler sowie malerische und druckgraphische Arbeiten des 16. Jahrhunderts jenseits Lucas Cranachs und dessen Werkstatt. Hier sollen die Vielfalt der Werke sowie der persönliche Stil einzelner Künstler hervorgehoben werden. Formulierungen von "Gesetz und Gnade", Illustrationen von protestantischen Bibeln und weiteren religiösen Schriften Martin Luthers stehen im Mittelpunkt des Vortrags.

Dr. Stavros Vlachos ist freiberuflicher Kunsthistoriker und Lehrbeauftragter an der Universität Bremen.